Pilz am Baum: Muss der Baum jetzt gefällt werden?
Ein Pilz am Baum sorgt schnell für Verunsicherung. Besonders wenn am Stammfuß oder direkt am Stamm plötzlich Fruchtkörper erscheinen, liegt die Frage nahe: Ist der Baum jetzt gefährlich – oder muss er sogar gefällt werden?
Die kurze Antwort lautet: Nein, nicht automatisch. Ein sichtbarer Pilz ist zunächst ein Befund. Welche Bedeutung er für die Stand- oder Bruchsicherheit des Baumes hat, lässt sich erst beurteilen, wenn Pilzart, Baumart, Befallsort, Ausmaß des Holzabbaus, Reaktion des Baumes, vorhandene Defekte und der Standort gemeinsam betrachtet werden.

Bild 1: Pilzfruchtkörper am Stammfuß eines Baumes. Ein solcher Fund ist ein Hinweis, aber noch keine fertige Diagnose.
Was bedeutet ein Pilzfruchtkörper am Baum?
Der sichtbare Fruchtkörper ist nur ein Teil des Pilzes. Der eigentliche Pilz lebt mit seinem Myzel im besiedelten Substrat – bei holzzersetzenden Arten also häufig in bereits geschädigtem oder abgebautem Holz. Ein Fruchtkörper kann deshalb auf einen länger bestehenden Prozess hinweisen, auch wenn er erst jetzt auffällt.
Aus Größe oder Anzahl der Fruchtkörper lässt sich jedoch nicht unmittelbar ableiten, wie stark die mechanisch relevanten Holzbereiche beeinträchtigt sind. Für die Beurteilung eines Baumes genügt es deshalb nicht, nur den Pilz zu fotografieren und seinen Namen zu bestimmen.
Sind Baumpilze grundsätzlich gefährlich?
Nein. Das Vorhandensein eines holzzersetzenden Pilzes bedeutet nicht automatisch, dass ein Baum akut versagensgefährdet ist. Gleichzeitig darf ein Pilzfund auch nicht pauschal als harmlos abgetan werden.
Entscheidend ist die fachliche Gesamtbewertung. Dabei spielen unter anderem folgende Punkte eine Rolle:
- Welche Pilzart wurde festgestellt?
- Welche Baumart ist betroffen?
- Wo am Baum befindet sich der Befall?
- Welche Holzbereiche werden abgebaut und in welchem Umfang?
- Wie vital ist der Baum und wie reagiert er auf den Defekt?
- Welche weiteren Schäden oder Defektsymptome sind vorhanden?
- Wie ist der Standort genutzt und welche Verkehrserwartung besteht dort?
Merksatz: Die Pilzbestimmung ist ein wichtiger Teil der Diagnose – aber noch nicht das Urteil über den Baum.
Warum der Befallsort so wichtig ist
Für die mechanische Bedeutung eines Holzabbaus ist der Befallsort besonders wichtig. Ein Abbau im Wurzelbereich oder an den Wurzelanläufen kann die Verankerung des Baumes betreffen. Schäden am Stammfuß oder Stamm können dagegen die tragende Restwand beziehungsweise andere für die Stabilität wichtige Strukturen beeinflussen. In der Krone können einzelne Äste oder Vergabelungen betroffen sein.
Deshalb ist die Aussage „Der Baum hat Pilz“ für sich genommen zu ungenau. Fachlich entscheidend ist vielmehr die Frage: Welcher Pilz besiedelt welchen Bereich des Baumes, welche Art des Holzabbaus verursacht er dort – und welche Bedeutung hat dieser Befund für die tragenden Strukturen?

Bild 2: Fruchtkörper an Wurzelanläufen oder Stammfuß: Der genaue Fundort ist für die fachliche Bewertung von großer Bedeutung.
Auch die Reaktion des Baumes gehört zur Bewertung
Ein Baum ist kein statisches Bauteil. Er kann auf Belastungen und Defekte reagieren, beispielsweise durch Zuwachs, Reaktionsholz, Überwallung oder andere Kompensationsreaktionen. Deshalb wird nicht nur betrachtet, was geschädigt ist, sondern auch, wie der Baum mit diesem Schaden umgeht.
Gerade hier liegt ein wichtiger Unterschied zwischen einem auffälligen Befund und einer tatsächlich relevanten Gefahr. Defekt und Kompensation müssen gemeinsam betrachtet werden.
Typische holzzersetzende Pilze an Bäumen
Zu den Pilzen, die im Rahmen von Baumkontrollen und Begutachtungen regelmäßig eine Rolle spielen, gehören unter anderem Hallimasch, Riesenporling, Lackporlinge, Schwefelporling, Brandkrustenpilz und Sparriger Schüppling. Sie unterscheiden sich in ihrer Lebensweise, ihren bevorzugten Wirtsbäumen, den besiedelten Bereichen und in der Art des Holzabbaus.
Genau deshalb ist eine sichere Bestimmung sinnvoll. Die Detailinformationen zu einzelnen Arten gehören jedoch in die jeweilige Artbeschreibung. Im Engelmann Baumpilzlexikon werden die Pilze mit ihren typischen Merkmalen und ihrer Bedeutung am Baum ausführlicher vorgestellt.

Verschiedene Baumpilze unterscheiden sich deutlich in Lebensweise, Befallsort und möglicher Bedeutung für den Baum.
Pilz am Baum gefunden – was sollte man tun?
Ein Pilzfund sollte zunächst dokumentiert werden. Sinnvoll sind eine Gesamtaufnahme des Baumes, eine Aufnahme der Fundstelle sowie mehrere Nahaufnahmen des Fruchtkörpers. Auch Baumart, Funddatum und Standort sind hilfreich. Fruchtkörper sollten für die Dokumentation möglichst nicht sofort entfernt werden.
Anschließend muss geklärt werden, ob der Befund im Rahmen einer fachlichen Baumkontrolle ausreichend eingeordnet werden kann oder ob konkrete Fragen offenbleiben. Werden bei einer Regelkontrolle Auffälligkeiten festgestellt, die weitere Untersuchungen erforderlich machen, sehen die FLL-Regelwerke dafür eingehende Untersuchungen vor.
Dabei gilt: Zuerst kommt die Fragestellung – dann das Untersuchungsverfahren. Nicht jeder Pilzfund rechtfertigt automatisch eine Bohrwiderstandsmessung, Schalltomographie oder einen Zugversuch. Das Verfahren muss zur offenen fachlichen Frage passen.
Muss ein Baum mit Pilz gefällt werden?
Nein. Eine Fällung ist nur eine von mehreren möglichen Konsequenzen – und sie muss fachlich begründet sein. Je nach Befund kann auch keine unmittelbare Maßnahme erforderlich sein, ein verkürztes Kontrollintervall ausreichen, eine baumpflegerische Maßnahme sinnvoll werden oder eine weiterführende Untersuchung notwendig sein.
Die Maßnahme folgt aus der Bewertung des konkreten Baumes. Nicht aus dem bloßen Vorhandensein eines Pilzfruchtkörpers.
Häufige Fragen
Kann man an einem Foto erkennen, ob ein Baum gefällt werden muss?
In der Regel nicht. Ein Foto kann bei der Pilzbestimmung und Dokumentation helfen, ersetzt aber keine Beurteilung des gesamten Baumes, des Befallsortes, möglicher Defekte und des Standortes.
Sollte man den Pilz vom Baum entfernen?
Für die Sicherheit des Baumes wird das eigentliche Problem dadurch nicht beseitigt. Der sichtbare Fruchtkörper ist nur ein Teil des Pilzes. Vor einer fachlichen Bestimmung und Dokumentation sollte er möglichst am Fundort belassen werden.
Wann sollte ein Sachverständiger hinzugezogen werden?
Insbesondere dann, wenn der Pilz an sicherheitsrelevanten Bereichen wie Stammfuß, Wurzelanläufen oder Stamm auftritt, weitere Defekte vorhanden sind oder Zweifel an der Stand- beziehungsweise Bruchsicherheit bestehen. Auch bei stark frequentierten Standorten kann eine fachliche Einordnung sinnvoll sein.
Hinweis zur Einzelfallbewertung
Die Wirkung eines Pilzes oder einer Schädigung lässt sich nicht pauschal beurteilen. Jeder Baum, jeder Befund und jeder Standort müssen individuell betrachtet werden. Dieser Beitrag vermittelt allgemeine fachliche Zusammenhänge und ersetzt keine Baumkontrolle, Untersuchung oder Begutachtung vor Ort.
Fachliche Beurteilung eines auffälligen Baumes
Wenn an einem Baum Pilzfruchtkörper oder andere Auffälligkeiten festgestellt wurden und deren Bedeutung unklar ist, kann eine fachliche Baumkontrolle beziehungsweise – bei entsprechender Fragestellung – eine weiterführende Untersuchung sinnvoll sein. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Leistungsseite zur Baumkontrolle.
Quellen und weiterführende Literatur
- Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V. (FLL): Baumkontrollrichtlinien – Richtlinien für Baumkontrollen zur Überprüfung der Verkehrssicherheit, Ausgabe 2020. https://shop.fll.de/de/baumkontrollrichtlinien-richtlinien-fuer-baumkontrollen-zur-ueberpruefung-der-verkehrssicherheit-2020.html
- Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V. (FLL): Baumuntersuchungsrichtlinien – Richtlinien für eingehende Untersuchungen zur Überprüfung der Verkehrssicherheit von Bäumen, 1. Ausgabe 2013. https://shop.fll.de/de/baumuntersuchungsrichtlinien-richtlinien-fuer-eingehende-untersuchungen-zur-ueberpruefung-der-verkehrssicherheit-von-baeumen-2013-downloadversion-578.html
- Schweiger, S.; Carlson, L.; Viße, J. (2021): Klein aber fein – das Leben im mehrjährigen Porling. Waldwissen.net / Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. https://www.waldwissen.net/de/lebensraum-wald/pilze-und-flechten/baumschwaemme-als-lebensraum
- Brandstetter, M. (2007): Der Brandkrustenpilz – unsichtbare Gefahr für zahlreiche Laubbäume. Waldwissen.net / Bundesforschungszentrum für Wald. https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/schadensmanagement/pilze-und-nematoden/der-brandkrustenpilz
