Baumpilze im Herbst: Warum man sie jetzt besonders gut entdecken kann
Wer im Spätsommer und Herbst mit offenen Augen durch Parks, Wälder oder ältere Baumbestände geht, entdeckt sie plötzlich an vielen Stellen: Pilzfruchtkörper am Stammfuß, zwischen den Wurzelanläufen, am Stamm oder auf abgestorbenem Holz.
Das kann schnell den Eindruck erwecken, der Pilz sei gerade erst entstanden. Tatsächlich ist der sichtbare Fruchtkörper nur ein Teil des Pilzes. Bei holzbewohnenden Arten befindet sich das Pilzgeflecht – das Myzel – im besiedelten Holz oder einem anderen Substrat. Der Fruchtkörper dient der Bildung und Verbreitung von Sporen.
Gerade deshalb ist der Herbst für Baumkontrolleure und alle, die Bäume genauer beobachten, eine interessante Zeit. Viele Arten fruktifizieren jetzt auffällig. Aber: Es gibt keinen allgemeinen „Herbsttermin“ für Baumpilze. Wann Fruchtkörper entstehen und wie lange sie sichtbar bleiben, ist artspezifisch und wird zusätzlich von Umweltbedingungen beeinflusst.

Pilzfruchtkörper am Stammfuß: Im Spätsommer und Herbst werden viele holzbewohnende Pilze besonders auffällig.
Warum fallen Baumpilze im Herbst besonders auf?
Für viele Großpilze liegt ein wichtiger Teil der Fruchtkörperbildung im Spätsommer und Herbst. Langjährige europäische Datensätze zeigen, dass insbesondere die Temperatur den Zeitpunkt und die Dauer der Fruktifikation beeinflussen kann. Niederschlag und Feuchtigkeit können ebenfalls eine Rolle spielen; wie stark, hängt jedoch von Art, Standort und ökologischer Gruppe ab.
Für holzzersetzende Pilze ist deshalb eine einfache Regel wie „nach Regen kommen die Pilze“ zu grob. Untersuchungen zeigen gerade bei holzabbauenden Pilzen deutliche Unterschiede zwischen den Gattungen. Der Herbst ist also eine besonders ergiebige Beobachtungszeit – aber nicht die einzige Jahreszeit, in der relevante Fruchtkörper gefunden werden können.
Der Fruchtkörper ist nicht der ganze Pilz
Bei holzbewohnenden Pilzen durchziehen Pilzhyphen das besiedelte Holz. Von außen sichtbar wird häufig erst der Fruchtkörper. Die WSL beschreibt Baumschwämme entsprechend als Fruchtkörper holzbewohnender Pilze, deren Hyphengeflecht im Stamm beziehungsweise im Holz liegt.
Das bedeutet für die Praxis: Wenn im September erstmals ein Fruchtkörper entdeckt wird, hat die Besiedlung nicht zwangsläufig erst im September begonnen. Umgekehrt schließt das Fehlen eines Fruchtkörpers einen holzbesiedelnden Pilz nicht aus. Einjährige Fruchtkörper können nur für begrenzte Zeit vorhanden sein, während mehrjährige Konsolen über mehrere Jahre am Baum bleiben.
Wo sollte man am Baum suchen?
Wer gezielt nach Baumpilzen sucht, sollte nicht nur auf die Stammmitte schauen. Je nach Art können Fruchtkörper am Stammfuß, zwischen den Wurzelanläufen, an oberflächennahen Wurzeln, am Stamm, an alten Verletzungen oder Astungsstellen sowie an abgestorbenen Holzteilen auftreten.
Besonders wichtig ist der genaue Fundort. Ein Fruchtkörper am Stammfuß liefert eine andere Information über den möglichen Besiedlungsbereich als ein Fruchtkörper hoch am Stamm oder an einem abgestorbenen Ast. Für die spätere fachliche Einordnung sollte deshalb immer dokumentiert werden, wo genau der Fruchtkörper am Baum beziehungsweise im Wurzelraum gefunden wurde.

Nicht nur der Pilz selbst ist wichtig. Auch der genaue Fundort – zum Beispiel Stammfuß, Wurzelanlauf oder Stamm – gehört zur Dokumentation.
Typische Herbstfunde – und wichtige Gegenbeispiele
Riesenporling
Der Riesenporling (Meripilus giganteus) bildet einjährige Fruchtkörper im Wurzel- und Stammfußbereich. Das Pflanzenschutzamt Berlin nennt als typische Auftretenszeit Juli bis Oktober; die LWF beschreibt seine im Verhältnis zur Größe kurze Fruktifikationszeit im Herbst. Gerade im Spätsommer und Frühherbst lohnt sich deshalb der Blick an den Stammfuß und in den Wurzelbereich.
Hallimasch
Bei Hallimasch-Arten (Armillaria spp.) erscheinen die büscheligen Fruchtkörper ebenfalls häufig in der zweiten Jahreshälfte. Das Pflanzenschutzamt Berlin nennt für Hallimasch-Fruchtkörper einen Zeitraum von Juli bis November; in milden Jahren können sie örtlich auch noch später auffallen. Wichtig: Zur Gattung gehören mehrere Arten mit unterschiedlichen ökologischen Eigenschaften.
Sparriger Schüppling
Der Sparrige Schüppling (Pholiota squarrosa) ist ein besonders klarer Herbstfund. Für die Fruchtkörper nennt das Pflanzenschutzamt Berlin September bis November. Sie stehen häufig büschelig im Bereich des Stammfußes und können mit Hallimasch verwechselt werden.
Nicht jeder auffällige Baumpilz ist ein Herbstpilz
Der Schwefelporling (Laetiporus sulphureus) zeigt, warum eine pauschale Einordnung problematisch wäre: Seine einjährigen Fruchtkörper können bereits ab Mai auftreten; das Pflanzenschutzamt Berlin gibt Mai bis September an.
Der Flache Lackporling (Ganoderma applanatum) bildet dagegen mehrjährige Fruchtkörper und kann ganzjährig sichtbar sein. Auch beim Brandkrustenpilz (Kretzschmaria deusta) bleiben alte, schwarze Fruchtkörper lange erhalten; die frische, hellere Nebenfruchtform wird vor allem von April bis Juni beobachtet.
Der Herbst erhöht damit die Chance auf bestimmte Funde – ersetzt aber nicht die Beobachtung zu anderen Jahreszeiten.
Weitere Artinformationen: Engelmann Baumpilzlexikon
Was bedeutet ein Pilzfund für den Baum?
Ein Fruchtkörper ist ein wichtiger Befund, aber noch keine fertige Diagnose. Aus dem Pilznamen allein lässt sich nicht ableiten, ob ein Baum aktuell ausreichend stand- oder bruchsicher ist oder welche Maßnahme erforderlich ist.
Für die fachliche Bewertung müssen der konkrete Baum, der Befallsort, vorhandene Defekte, die Reaktion des Baumes und der Standort zusammen betrachtet werden. Genau deshalb bedeutet ein Pilzfund weder automatisch „gefährlich“ noch automatisch „fällen“. Reicht die visuelle Beurteilung nicht aus, muss zuerst geklärt werden, welche Frage offen ist – und erst danach, welches Untersuchungsverfahren diese Frage beantworten kann.
Vertiefung: Pilz am Baum: Muss der Baum jetzt gefällt werden? sowie Baumkontrolle: Was wird geprüft – und wann ist sie notwendig?
Pilz gefunden – so sollte er dokumentiert werden
Für eine spätere Bestimmung und Einordnung sind mehrere Ansichten hilfreicher als ein einzelnes Nahfoto. Sinnvoll sind:
- eine Gesamtaufnahme des Baumes,
- eine Aufnahme der Fundstelle am Baum beziehungsweise im Wurzelraum,
- Nahaufnahmen des Fruchtkörpers, möglichst von Ober- und Unterseite,
- die Baumart, sofern bekannt,
- Funddatum und Standort.
Die Fundstelle sollte vor einer möglichen Entnahme des Fruchtkörpers dokumentiert werden. Das Entfernen eines Fruchtkörpers beseitigt den im Holz vorhandenen Pilz nicht.

Für eine spätere Einordnung sollten sowohl der Fruchtkörper als auch seine genaue Position am Baum dokumentiert werden.
Fazit: Der Herbst macht vieles sichtbar – aber nicht alles
Spätsommer und Herbst sind eine besonders gute Zeit, um bestimmte Baumpilze zu entdecken. Riesenporling, Hallimasch oder Sparriger Schüppling können jetzt auffällige Fruchtkörper bilden. Andere Arten erscheinen früher, später oder bleiben mit mehrjährigen Fruchtkörpern ganzjährig sichtbar.
Für die Baumkontrolle ist deshalb nicht nur entscheidend, welcher Pilz gefunden wurde. Mindestens ebenso wichtig sind Fundort und Bedeutung des Befundes am konkreten Baum. Der Fruchtkörper liefert einen Hinweis – die fachliche Bewertung entsteht erst aus dem Gesamtbild.
Häufige Fragen
Ist der Herbst die beste Jahreszeit, um Baumpilze zu finden?
Für viele Arten ist der Spätsommer und Herbst eine sehr ergiebige Zeit. Das gilt aber nicht für alle holzbewohnenden Pilze. Einige bilden Fruchtkörper bereits im Frühjahr oder Sommer, andere besitzen mehrjährige Fruchtkörper und sind ganzjährig auffindbar.
Ist der Pilz verschwunden, wenn der Fruchtkörper nicht mehr zu sehen ist?
Nein. Ein einjähriger Fruchtkörper kann zerfallen oder verschwinden, während das Myzel weiterhin im besiedelten Holz vorhanden ist.
Bedeutet ein Pilzfruchtkörper, dass der Baum gefällt werden muss?
Nein. Ein Fruchtkörper ist zunächst ein Befund. Welche Bedeutung er hat und ob Maßnahmen notwendig sind, muss am konkreten Baum fachlich beurteilt werden.
Sollte man einen Fruchtkörper sofort entfernen?
Für die Beurteilung des Baumes bringt das Entfernen zunächst keinen Vorteil. Vor einer möglichen Entnahme sollte der Fund vollständig fotografiert und dokumentiert werden. Das Entfernen des Fruchtkörpers beseitigt das im Holz vorhandene Myzel nicht.
Hinweis zur Einzelfallbewertung
Baumpilze und die von ihnen verursachten Holzabbauprozesse müssen immer im Zusammenhang mit dem konkreten Baum beurteilt werden. Dieser Beitrag erläutert allgemeine Zusammenhänge und ersetzt keine Baumkontrolle, Untersuchung oder Begutachtung vor Ort.
Baumpilz gefunden?
Wenn an einem Baum ein Pilzfruchtkörper oder eine andere Auffälligkeit festgestellt wurde und die Bedeutung unklar ist, kann eine fachliche Baumkontrolle beziehungsweise – bei entsprechender Fragestellung – eine weiterführende Untersuchung sinnvoll sein.
Quellen und weiterführende Literatur
- Andrew, C. et al. (2018): Explaining European fungal fruiting phenology with climate variability. Ecology 99(6), 1306-1315. DOI: 10.1002/ecy.2237.
- Krah, F.-S.; Büntgen, U.; Bässler, C. (2023): Temperature affects the timing and duration of fungal fruiting patterns across major terrestrial biomes. Ecology Letters 26, 1572-1583. DOI: 10.1111/ele.14275.
- Rigling, D. (2021): Baumschwämme. Eidgenössische Forschungsanstalt WSL / Waldwissen.net.
- Pflanzenschutzamt Berlin (2022/2025): Steckbriefe zu holzzerstörenden Pilzen, insbesondere Riesenporling, Sparriger Schüppling, Schwefelporling, Flacher Lackporling, Brandkrustenpilz und Hallimasch.
- Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF): Die Pilzwelt der Linde, LWF Wissen 78; Die Pilzwelt der Buche, LWF Wissen 86.
